KI bei der Entwicklung von Learning Content

Im Webinar des VSD zu individuellen Lernpfaden bei Bildungsangeboten kam in der Diskussion eine spannende Frage auf: Ist eine Rückkoppelung zwischen Medienproduzent und -konsument möglich? Kann also ein Anbieter von Learning Content seine Entwicklung darauf ausrichten, wie seine Kunden damit lernen? Weiss er das überhaupt?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich seit Jahren. Und jeden Tag ein bisschen mehr. Als Teil eines Verlagsteams sitzt man ja ab und an in einem Elfenbeinturm. Man produziert Lehrmittel nach bestem Wissen und Gewissen. Ein Netzwerk von Fachexpert*innen und Anwendern begleitet die Lehrmittelentwicklung. Wirklichen Kontakt zum Endkunden – dem Lernenden – hat man aber als Lehrmittelproduzent*in selten.

Status Quo: Senden

Die Realität sieht meistens so aus, dass man im Verlag produziert und diese Produkte an den Kunden vertreibt. Wenn man Glück hat, meldet sich ein Kunde mal per Mail oder Telefon – meist eher im negativen Fall, wenn etwas fehlt, stört oder nicht funktioniert.

Natürlich versucht man als Verlag, über Interviews, Schulbesuche oder auch Umfragen Kontakt zu den Endkunden zu erschliessen. In der Praxis ist das aber aufwändig und wird deshalb nur sporadisch gemacht.

Seien wir ehrlich: es ist auch nicht ganz einfach, Rückmeldungen in Produkte einzubauen. Die aktuelle Lehrmittelproduktion dreht sich sehr oft noch um gedruckte Materialien. Und wenn man den Druck optimieren möchte, sind oft hohe Auflagen notwendig. Selbst wenn also Rückmeldungen kommen, dauert es bis zur nächsten Auflage, bis eine Änderung überhaupt umgesetzt werden kann.

Die Zukunft: der Publikations-Kreislauf

Aktuelle und zukünftige Technologien können helfen, diese unbefriedigende Situation zu durchbrechen.

Zum einen kann man über einen konsequenten Wechsel zum Content First-Ansatz und unter Einbezug moderner XML-Produktionssysteme wie zum Beispiel Xpublisher for Learning Content dafür sorgen, dass die Auflagenabhängigkeit bei der Inhaltsentwicklung minimiert wird.

Der Learning Content liegt nicht mehr in den Druckdaten sondern in einem dynamischen CMS, in dem man die Inhalte beständig und nachhaltig weiterentwickeln kann. Die Ausgabekanäle können durch verstärkte Automatisierung wesentlich agiler bespielt und genutzt werden.

Das Ausgeben von Inhalten an den Kunden kann also kleinteiliger und individueller erfolgen – oft auch für eine digitale Nutzung, wo Rückmeldungen viel einfacher und schneller abgeholt werden können.

Auch da helfen moderne Systeme. Moderne Tracking- und KI-Systeme ermöglichen es, den Lernenden zu beobachten. Das muss natürlich transparent geschehen, macht aber auch für den Lernenden Sinn – indem er sich beobachten lässt, hilft er mit, Inhalte zu verbessern.

Die Messdaten können vom Inhaltsproduzenten ausgewertet werden: Bei welchen Inhalten kam es zu Absprüngen? Bei welchen Übungsaufgaben ist die Fehlerrate besonders hoch? Wie viel Zeit wurde für einzelne Inhaltsbausteine aufgewendet? Wo fand Kommunikation zwischen den Lernenden statt? Wann und auf welchen Geräten wurde gelernt?

Wichtig ist, dass diese Messdaten in Realtime in die kontinuierliche Inhaltsentwicklung einfliessen. Auch hier kann ein Content-First-Publikationssystem helfen, in dem es ein entsprechendes Dashboard zur Verfügung stellt.

Es gibt noch viel zu tun

Noch ist dieser Publikationskreislauf nicht Realität. Zumindest nicht bei der Lehrmittelentwicklung. In Newsverlagen ist diese Interaktion mit den Kunden bei der Inhaltsentwicklung schon heute Alltag. In den grossen Newsrooms werden Kundendaten laufend ausgewertet und die Produktion entsprechend gesteuert.

Auch für Marketingspezialisten ist dieses Konzept kalter Kaffee. Mit geeigneten Trackings werden Kommunikationskampagnen schon heute agil auf die Bedürfnisse und Reaktionen des Zielpublikums ausgerichtet.

Ich bin überzeugt, dass sich dieses Prinzip auch in der Lehrmittelproduktion durchsetzen wird. Im Gespräch mit verschiedenen Akteuren in meinem Netzwerk treibe ich diesen Kreislauf an. Noch fehlt es an Praxisprojekten, um diese Vision umzusetzen. Ich bin mir aber sicher, dass der Praxiseinsatz bald kommen wird.

Und selbstverständlich stehe ich gerne zur Verfügung, wenn ein Verlag das mal ausprobieren möchte 🙂


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  1. Richard Rüfenacht vor 3 Monaten

    Hallo Roman

    Deine Ausführungen verfolge ich mit Interesse. Erste Anmerkung dazu: Vor 50 Jahren waren wir da schon weiter. Wie individuelle Lernpfade ermittelt, gestaltet und gespeichert werden können, demonstrierten wir 1971 auf der Hannover Messe mit einem Nixdorf-Computer und einer Anwendung von mir. Damals redeten alle von der deutschen Bildungskatastrophe und Nixdorf hoffte mit Hilfe des Computers einen Lösungsweg zu bieten.

    Gescheitert ist dieser Weg auf Grund der “Kognitiven Wende”. Bildung wurde dem Lernen übergeordnet. Wer gebildet ist, hat sicher individuelle Lernpfade beschritten, welche das sind, ist aber nebensächlich. Deshalb habe ich durchaus ein Verständnis-Problem bei Ausdrücken wie “individuellen Lernpfaden bei Bildungsangeboten”.

    Die Frage ist, ob LEHRmittel oder LERNmittel produziert werden.

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