Homo Ludens – ich spiele, also konsumiere ich nicht

Martin Albisetti schrieb im Publishing Blog einen wertvollen Beitrag zum Homo Oeconomicus: „Der Homo Oeconomicus – Ich konsumiere, also bin ich„. Darin beschreibt er den Menschen als konsumierendes Wesen und schreibt „wir alle sind Konsumenten“. Gerne greife ich diesen Gedankengang auf und spinne ihn weiter, indem ich dem Homo Oeconomicus den Homo Ludens, den spielenden Menschen, gegenüber stelle.

Homo Oeconomicus – wir sind alle Konsumenten

Die Gedanken von Martin Albisetti decken sie auf weiten Strecken mit meinen. Er betont, dass Menschen als einzigartige Wesen zur Welt kommen und durch „Erziehung, Schule und Einflüsse der Gesellschaft“ allmählich einer Norm angepasst werden, indem die Einzigartigkeit abtrainiert wird. Ja, ruft es in mir. Genau so!

Ebenso nicke ich die meisten von Martin Albisettis weiteren Aussagen ab. Genauso wie er sehe auch ich einen entscheidenden Zusammenhang zwischen dieser Einebnung der individuellen Einzigartigkeit und unserem Konsumverhalten.

Ja, wir alle sind Konsumenten. Doch wir unterscheiden uns stark in unserem Konsumverhalten. Die einen konsumieren das Lebensnotwendige. Sie kaufen sich Brot und Äpfel, Toilettenpapier und Schuhe. Andere sehnen sich auch nach dem hundertsten Paar Schuhe in ihrem Gestell nach weiteren Schuhen. Haben sie einen BMW, möchten sie einen Porsche. Kommen sie von einem Kurztripp aus London zurück, bereiten sie den Kurztripp nach Kairo vor.

Konsument ist nicht Konsument. Das eine Mal tauschen wir Geld gegen das Notwendigste ein. Das andere Mal Geld gegen Ersatzbefriedigung.

Ersatzbefriedigung als Kraftstoff für den Konsum

Martin Albisetti beschreibt den Zusammenhang von der Abtrainierung der Einzigartigkeit und dem Konsum. Gerne möchte ich diesen Zusammenhang noch etwas vertiefter betrachten.

Voraussetzung ist, dass der Mensch bei der Geburt einzigartig ist. Für unser Wohlbefinden ist es zentral, dass wir unsere Einzigartigkeit beibehalten und basierend darauf unsere ganz individuelle Persönlichkeit entwickeln können. In diesem Blog-Artikel habe ich diesen Zusammenhang ausführlich besprochen.

Kurz: Gemäss der Selbstbestimmungstheorie der beiden Psychologie-Professoren Edwin Deci und Richard Ryan haben Menschen drei psychische Grundbedürfnisse: Sie möchten das Gefühl haben, autonom entscheiden zu können. Sie möchten das Gefühl von Kompetenz erleben. Und sie möchten sozial eingebunden sein. Nur wenn wir unsere Einzigartigkeit, unser Potenzial entfalten können, sind diese Grundbedürfnisse gestillt.

Wie Martin Albisetti treffend beschreibt, kommt die Einzigartigkeit eines Menschen durch Erziehung, Schule und weitere Einflüsse der Gesellschaft in der Regel stark unter Druck. Nicht selten haben Eltern Erwartungen, wie sich ihr Kind verhalten soll oder gar, was aus dem Kind einmal werden soll. Die Schule definiert Leistungserwartungen der Kinder im Lehrplan. Arbeitgeber definieren Leistungserwartungen an Erwachsene in Stellenbeschrieben.

Mit jeder Leistungserwartung von Dritten können wir nicht das tun, was unserem Innersten entspringt. Wir können unsere Einzigartigkeit nicht leben. Das hinterlässt ein unbefriedigendes Gefühl, eine innere Leere oder Unruhe.

Diese Leere trachten wir zu füllen.

Den allermeisten Menschen geht es so. Bei den einen ist die innerliche Leere grösser, bei anderen kleiner.

Das Abtrainieren der Einzigartigkeit geht so weit, dass – gemäss dem Philosophie-Professor Frithjof Bergmann – die meisten Erwachsenen nicht mehr wissen, was sie wirklich, wirklich gerne tun. Sie kennen ihre Leidenschaft nicht mehr.

Wer die Leidenschaft nicht kennt, verspürt also keine Wünsche mehr, was er oder sie tun möchte. Diese Wünsche aus dem Innersten werden durch Wünsche von Aussen ersetzt, die kurzfristig die innere Leere stopfen können. Diese Wünsche von Aussen schlagen sich in Konsum nieder. Kaum ist der neue Schuh da und die Freude über den neuesten Kauf verflogen, stellt sich die innere Leere wieder ein und verlangt nach dem nächsten Konsumgut. Ein Ende gibt es nicht.

Wer spielt, strebt nicht nach Konsum

Und doch gibt es sie: Menschen, die sich ihre Einzigartigkeit erhalten können. Die ihre Leidenschaften leben.

Beispielsweise habe ich mit mehreren Künstlerinnen und Künstler Interviews geführt. Alle leben sie bescheiden, aber zufrieden. Sie benötigen weder Erholung noch Urlaub. Ihre Passion zu leben erfüllt sie ausreichend. Sie benötigen keine Erholung.

Sie konsumieren nur das Nötigste.

Sie konsumieren nicht aus einer inneren Leere heraus, denn sie verspüren keine innere Leere.

Wie ist das möglich?

Künstlerinnen und Künstler spielen. Genauso wie Kinder im Vorschulalter spielen. Sie leben das, was ihrem Innersten entspringt. Genau das ist ein Spiel: Eine selbstgewählte Herausforderung, deren Ziel in der Herausforderung selbst liegt.

Die Leidenschaft dieser spielenden Menschen ist so stark, dass sie selbst durch Erziehung und Leistungsanforderungen der Schule nicht abtrainiert werden konnte.

Die digitale Transformation ändert die Spielregeln

Die Einzigartigkeit abzutrainieren war notwendig in der industrialisierten Gesellschaft. Wer hinter einem Fliessband oder einer Maschine stand, musste genauso wenig einzigartig sein wie jene, die Akten bearbeiteten oder andere Routinetätigkeiten verrichteten. Routinetätigkeiten verlangten nicht nach Leidenschaft, sondern nach Zuverlässigkeit, Disziplin und Ordnung. Dies waren die zentralen Werte der industriellen Gesellschaft.

Wie ich hier ausführlich schildere, ändert sich dies mit der digitalen Transformation. Routinetätigkeit werden immer mehr von Algorithmen erledigt. Menschen positionieren sich neben dem Computer und verrichten Tätigkeiten mit Anforderungen, die der Computer (noch) nicht (gut) beherrscht: Kreativität, Problemlösefähigkeit, Sozialkompetenz und komplexe handwerkliche Abläufe.

Fähigkeiten, die wunderbar beim Spielen entwickelt werden können.

Tätigkeiten, die Einzigartigeit nicht nur zulassen, sondern erfordern.

Die Zeit ist reif für die Einzigartigkeit!

So kehrst du ins Spiel zurück

Wie kannst du ins Spiel zurückkehren? Deine Leidenschaft leben?

Zuerst musst du zu dir zurückkehren. In meinen Coachings unterstütze ich Menschen, ihre individuellen Antriebskräfte wieder zu entdecken und daraus eine Leidenschaft zu entwickeln.

Bist du wieder in deinem Track, gilt es, das Vertrauen in deinen inneren Kompass zu stärken. Das ist herausfordernd, denn bislang sind die meisten von uns gewohnt, Leistungsanforderungen von anderen zu entsprechen und nicht dem, was unserem Innersten entspringt.

Als dritten Schritt musst du noch einen Hut aufstellen. Vielleicht bietet dir ein Arbeitgeber die Freiheit, deine Einzigartigkeit zu leben, zu spielen. Wenn nicht, kannst du dir aus deiner Einzigartigkeit deinen ganz persönlichen Job designen. Du kannst dich fragen, welche Probleme du mit deiner Einzigartigkeit lösen kannst. Und als nächstes: Wo findest du Menschen, die diese Probleme haben?

Und hier spielt die digitale Transformation eine zentrale Rolle: Früher war es sehr schwierig, eine genügend grosse Kundschaft zu finden für Probleme, die wir mit unserer Leidenschaft lösen konnten. Das Internet macht die Welt – oder zumindest die Sprachregion – zum Dorf. Menschen mit den „richtigen“ Problemen können uns über das Internet finden.

Nicht vergessen: Unsere Kinder spielen lassen!

Dieser Transformationsprozess von einem Menschen, der gewohnt ist, Anforderungen von Dritten zu erfüllen, hin zu einem Menschen, der auf seinen inneren Kompass hört und seine Leidenschaft lebt, kann ein sehr weiter Weg sein. Nicht jeder Taxifahrer, nicht jede Bäckerin, nicht jeder Fabrikarbeiter wird diesen Prozess schaffen.

Deshalb ist es zentral, zuerst den Wasserhahn der Badewanne zuzudrehen. Es ist nicht sinnvoll, Kindern weiterhin die Einzigartigkeit abzutrainieren.

Als Eltern können wir darauf achten, Kinder möglichst so zu lassen, wie sie sind. Keine Erwartungen auf sie zu projizieren.

Aber auch die Schule steht in der Verantwortung. Nach zehn Jahren Leistungserwartungen, die es zu erfüllen gibt, haben sich die meisten jungen Menschen meilenweit von sich und ihrer Einzigartigkeit entfernt. Lieber heute als morgen sollten wir als Gesellschaft aufhören, Leistungserwartungen zu definieren. Konkret: Lehrpläne gehören in den Müll.

Was dann? Ganz einfach: Lassen wir die Kinder spielen. Beim Spielen tun sie das, was ihrem Innersten entspringt. Sie lernen, indem sie selbstgewählte Herausforderungen anpacken. Wir können sie dabei unterstützen, durch achtsames Wahrnehmen, indem wir ihnen Raum, Zeit und Ressourcen bieten, um das zu tun, was ihrem Innersten entspringt.

Spielen ist der Urzustand des Menschen. Nicht zufällig.

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Nando Stöcklin

Ich studierte Ethnologie, Mensch-Gesellschaft-Umwelt und Informatik und doktorierte in Pädagogik. Beruflich beschäftigte ich mich als Forschungsmitarbeiter mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf das Bildungswesen und als Folge mit Spielen. Seither versuche ich die Vorzüge vom Spiel konsequent in meinem eigenen Leben zu nutzen und die unnötigen Kluften zwischen Spielen, Arbeiten und Lernen zu überwinden. Meine Kinder sind mir grosse Vorbilder und weisen mir den Weg.


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  1. Wolfgang Helmeth vor 2 Monaten

    Lieber Nando,
    ich habe nie gearbeitet, sondern immer nur gespielt. Nun bin ich 76, und spiele mit Gedanken. Was ist Spiel? Das Spiel ist keine spezielle Tätigkeit, sondern eine Haltung, die man bei allen Tätigkeiten haben kann, oder nicht.
    Ich hatte Glück. Meine Mutter achtete mich, weil ich Wolfgang war, nicht weil ich besondere Noten hatte. In der Schule allerdings empfand ich eine Art „pädagogische Folter“. Ohne meine Mutter wäre ich wohl zerbrochen.
    Nun – die Neugierde das Tüfteln, meine Freunde aus vielen Kulturen, meine Reisen und Auslandstätigkeiten, meine vielfältigen Interessen, meine Familie, beruflichen und privaten Tätigkeiten stimmen mich zufrieden. Seit 1973 kann ich es nicht lassen, an einer zeitgemäßen Erziehungs- und Bildungskultur zu tüfteln. Ein langer „Roman“ – herausgekommen ist der http://www.Cleverle-Navi.de .

    Wann können wir uns mal wieder persönlich begegnen?

    Beste Grüße aus Denzlingen

    Wolfgang
    http://Www.visitenkarte.edeju.de – mit vielen weiteren Infos

    PS: An deinen 2020-Buchprojekt mache ich gerne mit!
    Es kommt auf die Eltern an…..

    Please wait...