Ein Abend voller Megatrends

Am Donnerstagabend lud das Publishingnetwork zu einer Präsentation der Megatrends der nächsten 10 Jahre. Man traf sich im Hauptsitz von Microsoft Schweiz in Wallisellen. Den Blick auf die Megatrends vermittelte uns Morell Westermann, Trend- und Zukunftsforscher beim Softwarekonzern.

Disclaimer: im folgenden gebe ich einige von Morells Aussagen ganz direkt wieder und ergänze sie mit eigenen Gedanken. Morells Referat wurde aufgezeichnet und wird in den nächsten Tagen auf der Webseite des Publishingnetworks zugänglich sein. Ich werde verlinken, sobald das Video aufgeschaltet ist.

Exponentielles Wachstum

Morell eröffnete sein Referat mit der Korrektur eines häufigen Denkfehlers. Wenn man in die Zukunft blickt, dann macht man das oft sehr linear. Man schaut, wie die Entwicklung in den letzten Jahren verlief und geht dann automatisch davon aus, dass es in etwa so weitergehen wird.

Überlege dir: Wenn du 5 Minuten auf einer geraden Strasse fährst; rechnest du dann damit, dass es die nächsten 5 Minuten ohne Kurve im gleichen Tempo weitergeht?
Nein: beim Autofahren bist du immer in Bremsbereitschaft und hältst das Steuer fest in Händen. Weil du nicht weisst, was passiert. Alles ist möglich.

Genau deshalb ist es falsch, von einem linearen Wachstum auszugehen. Technologische Entwicklungen haben ein anderes Muster. Entweder, sie stinken völlig ab und geraten in Vergessenheit. Oder sie gehen nach längerer Anlaufzeit plötzlich durch die Decke. Exponentielles Wachstum.

Grundsätzlich gilt: wenn ein Trend sichtbar wird, dann ist es bereits kein Trend mehr, sondern eine Sache, deren exponentielles Wachstum gerade begonnen hat.

Die Megatrends

Alles wird Software

CDs, Landkarten, Enzyklopädien nutzt man heute als Software. Die Hardware ist verschwunden, dümpelt noch ein wenig oder wird höchstens noch in Retrowellen reaktiviert.

Humanoide Roboter

Selbständige Roboter, die wie Menschen aussehen und handeln. Science Fiction? Dann schaut euch mal das an:

Interessant ist die humanoide Form von Atlas. Dieser Roboter wirkt zutiefst menschlich. Etwas unsicher auf den Füssen. Irgendwie süss, wie er da durch den verschneiten Wald geht. Man empfindet in dem Moment Mitleid, als der Mensch mit dem Hockey-Stock eingreift.

Die menschliche Form ist notwendig, denn sie hilft uns, diesen Roboter zu akzeptieren. In Zukunft werden wir kooperativ mit Robotern zusammenarbeiten und das funktioniert nur, wenn wir für diesen neuen Kollegen Empathie empfinden.

Übrigens: Wir dürfen davon ausgehen, dass das, was wir auf Youtube zu sehen bekommen nur die Spitze des Eisbergs ist. Think about it – es gibt in den Laboratorien dieser Welt heute schon Roboter, neben denen Atlas wie ein kleines Kind wirkt.

Die Arbeitswelt wird sich ändern

Im obigen Video sieht man schon mal schön, dass Lagermitarbeiter eine bedrohte Berufsgruppe sind. Wobei dazu wohl noch eine Voraussetzung erfüllt sein muss: der Roboter muss günstiger werden als der menschliche Mitarbeiter. Dieser Punkt wird irgendwann kommen und es gibt zahlreiche Berufe, die verschwinden werden.

«Jaja, aber die hochqualifizierten Jobs wird das ja kaum betreffen.
Der spezialisierte Mensch ist schliesslich unersetzbar».

Falsch. Ein Algorithmus kann schon heute bestimmte Krankheiten besser erkennen als ein Arzt. Und wenn McDonalds eine Bestellung schon mit einem Bot entgegen nehmen kann, dann kann man auch die nächste Hypothek ohne menschlichen Bankberater abschliessen.

«Ok, aber eine Maschine ist nicht zu Kreativität fähig.
Kreativität ist und bleibt menschlich».

Stimmt wohl. Die Frage ist, wie viele Berufe wirklich kreativ sind. Computer können jedenfalls schon heute Layouts erstellen, Programmiercode schreiben, Filmtrailer zusammenschneiden und selbständig Musik produzieren. Das langt vielleicht nicht für die nächste Mona Lisa, aber doch für 80% unseres «kreativen» Alltags.

Alles wird möglich

Überlegen wir mal: ein Tesla ist ein rollender Sensorhaufen. Da könnte er neben seiner Funktion als Auto noch ganz andere Funktionen übernehmen:

  • seine Kameras erfassen laufend die Umgebung. Nutzt man diese Daten, hätte man quasi ein Streetview, fast in Echtzeit.
  • seine Sensoren messen Temperatur, Wind, Feuchtigkeit – eine rollende Wetterstation, die MeteoSuisse ja direkt anzapfen könnte.
  • ein Tesla erkennt die Strassensituation, er erkennt Kreuzungen, Kurven, Stoppschilder: Warum mit diesen Daten nicht Google Maps oder unsere Landeskarten aktualisieren?

Es wird unendlich viele neue Möglichkeiten geben. Wer eine gute Idee hat, kann sie umsetzen. Es können neue Geschäftsfelder erschlossen werden. Das ordnet die Chancen auf dieser Welt neu. Die neuen Möglichkeiten stehen plötzlich auch anderen als bisher zur Verfügung.

Stehen sie allen zur Verfügung? Das ist eine gesellschaftspolitische Frage. Solange das Militär und die heutigen Grosskonzerne all die guten neuen Ideen schlucken, läufts noch nicht optimal. Aber vielleicht ändern sich ja auch diese Strukturen grundlegend. Grenzen werden neu gezogen, bzw. definiert.

Das Ende der Dummheit

Es ist zwar ein kleines Wunder, dass Siri, Cortana, Alexa und wie sie alle heissen heute schon Teil unseres Alltags sind. Wer hätte das vor 5 Jahren gedacht (aka exponentielles Wachstum).

Aber seien wir ehrlich: so wirklich schlau sind die Dinger ja noch nicht. «Siri, ruf meinen Bruder an» ist ein Befehl, den die gute Siri erst nach der Rückfrage ausführen kann, wer denn eigentlich mein Bruder sei.

Doch auch hier gilt: wir können uns noch kaum vorstellen, was in den nächsten 5 Jahren passiert. Im ganzen BigData-Haufen, der bereits über mich gesammelt wurde, lässt sicher locker herausfinden, wer mein Bruder ist. Und in seinem BigData-Haufen ist gespeichert, wo er gerade ist, was er gerade tut, was er gekauft, gegessen und beim Jogging wieder verbrannt hat. Die Informationen von mir und meinem Bruder sind vorhanden – und sie werden in Zukunft auch miteinander verknüpft werden.

Wenn wir heute über Algorithmen lächeln und sie als «dumm» betrachten, dann Obacht: diese Dummheit wird in ein paar Jahren verschwunden sein.

Gut oder Schlecht?

Machen uns diese Aussichten Angst? Ja, natürlich. Das liegt alles weit, weit ausserhalb unserer Comfort Zone.

Diese Technologien werden aber kommen. Sie werden uns das Leben erleichtern. Sie werden bestehende Probleme lösen. Sie werden Grenzen abbauen, neu definieren.

Und wir werden sie keinesfalls verhindern, indem wir uns sperren oder uns die gute alte Zeit wieder herbeisehnen.


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  1. Richard Rüfenacht vor 8 Monaten

    Roman, ich habe eine Frage zum menschlichen Aussehen von Robotern und der damit verbundenen Empathie. Wird das in Zukunft noch wichtig sein? Wichtiger oder unwichtiger werden?

    Beispiel: im verlinkten Video würde Lagerarbeit so sicher nicht organisiert und die Roboter müssten nicht menschlich aussehen.

    Meine konkrete Vorstellung: wenn ein Roboter unterrichtet, sollte der gerade nicht menschlich aussehen, das wäre kontraproduktiv.

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    • Roman Schurter vor 8 Monaten

      Lieber Richard. Ich habe keine Antwort. Mir wurde beim Event aber bewusst, dass wir auch diese Frage (wie so manche) noch zu klären haben. Momentan scheint es mir, dass in der Öffentlichkeit die „Qualität“ eines Roboters noch daran gemessen wird, wie menschenähnlich er funktioniert. Was eigentlich falsch ist, aber wohl daher kommt, dass wir ihn so mit „Bekanntem“ vergleichen können. Insofern ist der Effort aller Hersteller verständlich, ihre Roboter humanoid zu gestalten.
      Interessant scheint mir Morrels Aussage, dass wir in Zukunft mit Robotern ZUSAMMENarbeiten. Bis jetzt ist das ja eher so, dass die Roboter in der einen Hälfte der Fertigungshalle zu Werke gehen und die Menschen in der anderen. In Zukunft wird das gemischt. Ich arbeite in der Halle oder am Pult direkt mit einem Roboter zusammen. Da ist die Frage, wie diese Maschine aussehen soll, wohl schon noch zu stellen.

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    • Richard Rüfenacht vor 8 Monaten

      Ich war überrascht über die Aussage, für diese Zusammenarbeit sei Empathie Voraussetzung oder mindestens bedeutsam. Ich habe mir Gedanken gemacht, was passieren könnte, wenn eine zu pflegende Person zu ihrem Pflegeroboter mehr Empathie entwickelt als zur Pflegefachkraft.

      Ja, da sind noch viele offene Fragen zu klären. Mich erstaunt ein Wandel im Denken. Als ich vor Jahrzehnten Lehr-/Lern-Maschinen entwickelte, war die Begeisterung gross und es fehlten die technischen Möglichkeiten. Heute sind die technischen Möglichkeiten da und die Begeisterung ist einer Angst um Arbeitsplatz- und Kontrollverlust gewichen.

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