Haemes Senf: Digital-Transformatoren sind falsche Propheten

«Digitale Transformation» ist falsch. Was wir als «Transformation» bezeichnen, ist eine Kultur – die «Digital-Kultur».

Kürzlich – beim Spazieren mit dem Hund – habe ich sinniert, was für mich «Digital-Kultur» wirklich ist. Ich glaube, ich habe eine Definition gefunden. Später mehr, jetzt erstmal, warum «Digitale Transformation» falsch ist.

Transformation hat ein Ende – Kultur ist im Wandel

Eine Transformation hat ein Ende. Zum Beispiel «transformieren» wir ein Bild von RGB nach CMYK. Ist es einmal transformiert, bleibt es wie es ist. Oder eine Raupe «transformiert» sich zum Schmetterling. Einmal Schmetterling, immer Schmetterling.

Bezeichnen wir die «Digital-Kultur» als Transformation, schüren wir falsche Erwartungen: Wir gehen davon aus, dass nach einer Änderung ein Ende eintrifft. Und dass es sich um einen Prozess handelt, den man sogar delegieren könnte. Das ist gefährlich! Denn eines ist gewiss: Alles was bleibt, ist die Änderung. Und delegieren kannst du gar nichts, weil es eine Kultur ist, in der du entweder lebst oder dich dagegen entscheidest.

Zusammenspiel von Technologie, Psychologie und Philosophie

«Digitale Transformation» ist also falsch. Bleibt die Frage, was «Digital-Kultur» ist.

Digital-Kultur

Die «Digital-Kultur» ist das nahtlose und voneinander abhängige Zusammenspiel von «Technologie», «Psychologie» und «Philosophie».

Wichtig: Wir sprechen nie von der «digitalen» Kultur. Weil digital ist eine Kultur nie, so lange der Mensch analog ist (wäre schrecklich) – daher «Digital-Kultur», die Kultur seit der Digitalisierung.

Technologie

Der einfachste Teil: Neue Möglichkeiten durch Vernetzung und mehr Rechenpower. Die Möglichkeiten sind so mannigfaltig, dass unsere Wertesysteme ins Wanken kommen.

Philosophie

Geht es ans Wertesystem, geht es um «Philosophie» – für mich um meinen persönlichen Glauben. Ist künstliche Intelligenz eine Gefahr? Wenn Roboter repetitive Arbeiten übernehmen, hilft uns dann das bedingungslose Grundeinkommen über die Runden? Wenn der Jurist ein Algorithmus ist und meine Aktivitäten der letzten 15 Jahre haargenau kennt… An dieser Stelle will ich nicht diese Werte diskutieren, obschon diese Diskussion spannend und wichtig ist. Ich will hier nur den Zusammenhang zwischen Technologie und Philosophie aufzeigen.

Psychologie

Wenn ich oben schreibe, dass «Änderung» alles ist, was bleibt, so ist die Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Klassischerweise wurde Änderung von der Elite befohlen, mitdenken und mitprägen waren nicht gefragt. So funktionieren noch zu grossen Teilen unsere staatlichen Bildungssysteme – auch Management-Seminare. Das führt zur Bruchlandung: Wir versuchen mit Werkzeugen aus der «Industrie-Kultur» in der «Digital-Kultur» zurechtzukommen. Funktioniert nicht – auch wirtschaftlich nicht. Europa ist in grossen Teilen daran, dieses Scheitern öffentlich zu beweisen.

Wir bräuchten freie, motivierte, hartnäckige, glückliche, interessierte, clevere, mitdenkende Menschen. Und die Leader sollten Motivatoren sein, welche Menschen zu freien, motivierten, hartnäckigen, glücklichen, interessierten, cleveren, mitdenkenden Persönlichkeiten freisetzen.

Haeme Ulrich, haemeulrich.com – im Wald mit dem Hund beim Sinnieren.

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  1. Christoph Schmitt vor 2 Monaten

    Was mir in diesem Kontext besonders gut gefällt, ist Felix Stalders Begriff „Kultur der Digitalität“: https://www.suhrkamp.de/buecher/kultur_der_digitalitaet-felix_stalder_12679.html
    Hier in alle Kürze von ihm vorgestellt: https://www.synergie.uni-hamburg.de/de/media/ausgabe05/synergie05.pdf

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  2. Ivo Baeriswyl vor 2 Monaten

    Hey Haeme,
    Danke für deine Beitrag. Ich stimme mit dir überein, dass der Begriff „Digitale Transformation“ ein völlig falsches Bild vermitteln kann. Wie du geschrieben hast, verleitet diese Begrifflichkeit zur falschen Annahme, dass es sich dabei um eine Methode handeln könnte, die in einem Kurs erlernt oder durch einen Workshop eingeführt werden kann und somit abgeschlossen wäre.
    Der Begriff „Kultur“ ist von seinem lateinischen Ursprung her natürlich schon stark mit „transformieren“ verbunden. In der Landwirtschaft wurde durch kultivieren (bebauen, pflegen) von Naturgebieten Land in Nutzflächen umgewandelt/transformiert.
    Ich vertrete die Ansicht, dass wir den Fokus weniger auf die Umwandlung/das Vollziehen setzen sollten, sondern auf die Frage: wie können wir uns diese veränderten Voraussetzungen der Digitalisierung nutzbar machen. So verstehe ich den von dir geprägten Begriff „Digital-Kultur“ eben als eine Grundhaltung oder Gesinnung und nicht als eine Methode. Dies wurde für mich auch durch den Kommentar von Heike gut zum Ausdruck gebracht.
    Gelegentlich werde ich gefragt, ob wir bei uns im Geschäft die „Digitale Transformation“ bereits vollzogen hätten. Nein! Eine Haltung kann man nicht vollziehen, ein Haltung wir eingenommen und durchdringt immer mehr unser Denken und Handeln und führt schliesslich zu einer neuen Kultur.

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    • Haeme Ulrich vor 2 Monaten

      Oh wie cool ist das denn lieber Ivo: «Eine Haltung kann man nicht vollziehen, ein Haltung wir eingenommen und durchdringt immer mehr unser Denken und Handeln und führt schliesslich zu einer neuen Kultur.»

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  3. Heike Burch vor 2 Monaten

    Achtsamkeit. Wahrnehmung. Empathie.

    Wie geht es mir. Was passiert mit dem, was ich mache. Was passiert mit den menschen. Nehme ich wahr? Nehmen die Menschen sich wahr? Und dann: was passiert daraus?

    Nehmen wir wahr und lassen alles beim alten?
    Nehmen wir wahr und wollen verändern, trauen uns aber nicht?
    Nehmen wir wahr und verändern, informieren, reissen mit, begeistern, fallen zurück, trauen uns, machen Fehler, lernen, gehen weiter?

    Die Wahrnehmung beginnt mit der Akzeptanz des Anderssein. Und kommt immer wieder auf einen selbst zurück. Was fühle ich. Was passiert in mir und um mich herum? Was bewirkt das wiederum?

    So sicher wir uns fühlten in der „alten“ Kultur, umso wachsamer und mitfühlender sollten wir sein in der neuen, unbekannten, beweglichen Digital-Kultur.

    Wichtig in meinen Augen ist, die Notwendigkeit der Veränderung zu sehen und dennoch nicht ausser Acht zu lassen, dass wir so unterschiedlich sind. Nicht jeder wird mit jeder Veränderung schnell umgehen können.

    Danke Haeme für deinen Input!

    Liebe Grüsse,
    Heike

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    • Haeme Ulrich vor 2 Monaten

      Genau, die Andersartigkeit schätzen und fördern. Genau das, was die «Industrie-Kultur» (und damit das “aktuelle“ Bildungssystem) ausklammern. Oder noch schlimmer: Gar nicht zulassen.

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  4. Rüdiger Maaß vor 2 Monaten

    Genau so ist es. Und noch krasser: Nichts bleib so, wie es einmal sein wird.
    Ich bin auf die Diskussion gespannt – ohne die ist „Digital-Kultur“ nicht möglich.

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  5. Jochen Uebel vor 2 Monaten

    Lieber Häme!

    Guter Text!

    Falls Du Lust hast, an den drei Rädchen weiter zu drehen, füge doch testweise mal ein viertes ein: Bewusstsein!

    Ich könnte mir vorstellen, dass das zu spannenden Ergebnissen führt. Weil dieses Rädchen nämlich in die Zähne aller drei anderen gleichzeitig eingreift: in die Technik, in die Psychologie und in die Philosophie.

    Oder aber man versteht Bewusstsein gleich von Anfang an als „prime mover“: und hätte dann die Welt der Produkte ihm gegenüber – und die Technik als verbindendes Element dazwischen. Das entspräche dann der altindischen Auffassung der von mir so geliebten Dreiteilung von – Vorsicht: Sanskit – rishi (Bewusstsein), devata (Wirkkräfte) und chandas (die Welt der Formen und Dinge).

    Spiel mal! 🤗

    Und jedenfalls herzliche Grüße aus Freiburg i. Brsg.!

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    • Haeme Ulrich vor 2 Monaten

      Lieber Jochen – spannender Input, danke ich «spiele» damit.

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