Affinity Photo: Komplettbearbeitung Schritt für Schritt

Vorher/Nachher

In diesem Beitrag zeige ich euch Schritt für Schritt, wie ich ein Bild in Affinity Photo bearbeitet habe. Dabei reden wir über die RAW-Entwicklung, 32-Bit-Bilder, Tonemapping, Füllmethoden und andere Kniffe. Legen wir los, es gibt einiges zu tun!

Schritt 1: RAW-Entwicklung ohne automatische Tonwertkurve

Bevor ich mein RAW-Bild mit 45 Mepapixeln aus der Nikon Z7 in Affinity Photos Entwicklungspersona öffne, ändere ich die Voreinstellungen etwas. Die RAW-Entwicklung von Affinity Photo lässt derzeit noch einige Wünsche offen. Unter anderem ist die Kontrolle über die Tiefen und Lichter im Bild sehr dürftig. Aus diesem Grund stelle ich Affinity Photo so ein, dass keine automatische Tonwertkurve angewendet wird. Da muss ich Serif applaudieren, dass sie diese Option offen lassen (hier zicken nämlich sogar Lightroom und Camera RAW). Durch das Fehlen einer Tonwertkurve bekomme ich den vollen Tonwertumfang des Bildes, den ich jetzt nach eigenen Bedürfnissen modellieren kann. Ebenfalls erhöhe ich die Bittiefe auf 32 Bit (obwohl mein RAW-Bild nicht einmal volle 16 Bit hat). Da ich das Bild später in der Tonemapping-Persona bearbeiten werde, wird mir dies zugute kommen. Die Voreinstellungen sehen wie folgt aus:

Schritt 2: Originalbild betrachten

Auf dem unbearbeiteten Originalbild lässt sich fast nichts erkennen. Dies ist deshalb so, weil keine Tonwertkurve angewendet wurde. Zeit also, selber ins Geschehen einzugreifen.Originalbild

Schritt 3: Moderate RAW-Anpassungen vornehmen

Jetzt nehme ich ein paar moderate Anpassungen in der Develop-Persona vor. Die Änderungen sind aber nicht so stark, wie wenn eine automatische Tonwertkorrektur auf das Bild angewendet worden wäre. Wichtig: Ich ändere das ICC-Profil auf ROMM RGB (entspricht ProPhoto RGB). Das riesige Profil ist nötig, weil die Tonemapping-Persona sehr gut auf dieses Profil anspricht. Anbei zeige ich euch ein paar Schnappschüsse aus der RAW-Entwicklung. Ich habe primär an der Belichtung, Klarheit, Schatten/Lichter, Leuchtkraft und Gradationskurve gearbeitet.Bild nach RAW-Entwicklung

Schärfen in der Develop-Persona Gradationskurve in der Develop-Persona

Schritt 4: Backup-Ebene erstellen

Im nächsten Schritt erstelle ich via Cmd+J lediglich kurz eine Backup-Ebene auf Basis der aktuellen Hintergrundebene, damit ich später jederzeit auf diese zurückgreifen kann.

Backup der Hintergrundebene

Schritt 5: Tonemapping

In der Tonemapping-Persona holen wir jetzt alles nach, was wir in der Develop-Persona unterlassen haben. Nach meiner Erfahrung ist die Tonemapping-Persona ein kleines Juwel von Affinity Photo. Auch wenn diese Persona eigentlich für HDR-Bilder entwickelt wurde, eignet sich sich wunderbar für Einzelbilder mit ausreichender Bittiefe (am besten auf Basis einer RAW-Datei). Wie ihr sehen könnt, ist der Unterschied zum vorherigen Schritt gewaltig. Insbesondere die Tonkomprimierung und der lokale Kontrast sind genial. Ich habe aber auch erneut von der Gradationskurve und Schatten/Lichter Gebrauch gemacht. Mit der Gradationskurve habe ich dem Bild noch etwas Magenta hinzugefügt, weil mit die Stimmung etwas zu sehr in die Komplementärfarbe Grün gekippt ist.

Tonemapping

Schritt 6: Klarheit

In diesem Zwischenschritt habe ich dem Bild etwas Klarheit hinzugefügt. Wie ihr sehen könnt, wirken sich selbst hohe Werte recht subtil aus.

Klarheit

Schritt 7: Himmel einfügen

Da ich selbst trotz fast linearer RAW-Entwicklung und Tonemapping die Lichter nicht rekonstruieren konnte (oben hinter den Bäumen blitzt der Himmel weiss hervor), möchte ich einen leicht verlaufenden Blauton hinter die Bäume legen. Dazu hole ich mir in der Werkzeugpalette ein Rechteck und lege es über die Bäume. Weil ich den Verlauf auf das Rechteck anwende, kann ich diesen später jederzeit noch verändern.

Himmel einfügen 1

Dieses Rechteck fülle ich jetzt mit einem Verlauf, der von einem leichten Blau zu transparent ausläuft.

Himmel 2

Schritt 8: Den Himmel hinter die Bäume legen

Am einfachsten legt man den Verlauf hinter die Bäume, indem man diesen auf Multiplizieren stellt. Zwar wirken die Bäume jetzt auch blau und der Himmel ist etwas dunkel, dies flicken wir aber im nächsten Schritt.

Himmel multiplizieren

Schritt 9: Bäume mit Mischoptionen nach vorne holen

Um die Mischoptionen zu öffnen, muss man einfach in das kleine Zahnrad rechts oben in der Ebenenpalette klicken. Die Funktionsweise der Mischoptionen erkläre ich euch gerne ein andermal. For dem Moment muss dieser Screenshot hier ausreichen:

Mischoptionen

Schritt 10: Bild schärfen (Lichter und Schatten schützen)

In diesem Schritt möchte ich das Bild noch etwas nachschärfen. Um ein Ausbrechen der Lichter und Zulaufen der Schatten zu vermeiden, schliesse ich den Effekt via Mischoptionen auf diese Bereiche aus. Hat man die Mischoptionen mal verstanden, liefern sie eine feinere Kontrolle als die Blend-If-Regler in Photoshop.

Schärfen

Schritt 11: Lookup-Tabelle aus Photoshop anwenden

Im Photoshop-Programmordner findet ihr im Preset-Ordner die LUTs, die ihr in Photoshop vielleicht auch schon angewendet habt. Eine LUT weist einem Farb- und Helligkeitswert X einfach den Wert Y zu. Auch Affinity Photo kann diese LUTs laden. Dazu müsst ihr einfach in der Anpassen-Palette die Einstellung LUT öffnen und eine entsprechende LUT laden. Wenn ihr die LUT als Vorgabe speichert, könnt ihr diese künftig sehr bequem laden. Im Gegensatz zu Photoshop seht ihr dann sogar noch eine Vorschau. Obercool, oder? Online findet ihr übrigens noch endlos viele weitere LUTs, die ihr kostenlos herunterladen könnt (zum Beispiel hier). Ich wähle eine LUT aus, die meinem Bild einen etwas verträumteren Look gibt. Ich wende die Einstellung aber nur mit einer sehr niedrigen Deckkraft an.

LUT

Schritt 12: Umwandlung in ein anderes Profil mit niedrigerer Bittiefe

Nachdem ich all diese Schritte vollzogen habe, reduziere ich all meine Ebenen mit Cmd+Shift+E auf eine einzige Ebene. Wenn ich mir sicher bin, dass ich am Bild nichts mehr ändern muss, brauche ich auch die Ebenen nicht mehr. Anschliessend wähle ich Dokument > Format/ICC-Profil umwandeln und konvertiere das Bild in das Adobe RGB-Profil (oder was ihr als moderateres RGB-Profil zu Archivzwecken auch immer nehmen wollt). Hätte ich die Ebenen vorher nicht auf eine Ebene reduziert, hätte sich der Look des Bildes verändern können. Auch so ist ein leicht anderer Look möglich, weil wir Das Bild von 32 Bit auf 8 Bit reduziert haben. Wenn ihr das nicht wollt, müsst ihr das Bild bereits nach dem Tonemapping auf 8 Bit reduzieren. Da Affinity Photo aber dermassen gut in 32 Bit arbeiten kann (im Gegensatz zu Photoshop, wo dann viele Funktionen nicht zugänglich sind), habe ich keinen Sinn darin gesehen, meine Bittiefe schon früher zu verwerfen.

Zusammenfügen

Fazit

Das war jetzt eine rechte Dröhnung Affinity Photo 🙂 Falls ihr den Beitrag lieber noch in Videoform sehen wollt, kann ich das auf Wunsch nachholen. Zum Schluss präsentiere ich euch noch einmal das fertige Foto und bleibe dabei, dass Affinity Photo dem Photoshop in so mancher Hinsicht so richtig mächtig den Hintern versohlt. Das Programm ist für ganz wenig Geld einfach grosse Klasse. Abstriche beim RAW-Konverter nehme ich da gerne in Kauf, da ich hier sowieso mit Capture One Pro arbeite (die Zusammenarbeit zwischen Capture One und Affinity Photo klappt übrigens bestens, so lange man mit TIFF arbeitet).

Es grüsst euch ganz herzlich

Ihr/Euer Michel Mayerle


Keine Beiträge verpassen?






War dieser Artikel hilfreich?
Please wait...
Fragen oder Anregungen?
Zu den Kommentaren ( 3 )
Passende Themen
Kommentare (3)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. 3joern vor 5 Monaten

    Hi, Video’s (generell) wären super 🙂
    Bis jetzt arbeite ich nur verstärkt im Designer anstatt Illustrator, da ich dort schneller zu meinen gewünschten Formen komme, aber Photo liegt schon länger bei mir auf dem Rechner, da ich in Photoshop aktuell einfach schneller bin.

    Please wait...
  2. Peter Salzmann vor 5 Monaten

    Lieber Michel
    Das ist jetzt wieder mal eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie ich sie mir wünsche. Vielen Danke dafür! Affinity Photo schau‘ ich mir an.

    Please wait...
    • Michel Mayerle vor 5 Monaten

      Vielen lieben Dank Peter. Ich freue mich sehr über deine Worte

      Herzliche Grüße
      Michel

      Please wait...